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Predigt 4. Sonntag nach Ostern – Kantate 19-05-2019

“Sing mal wieder”, so heißt ein Titel der A-Capella Band Wise Guys und eigentlich könnte ich mir jetzt viele Worte sparen und einfach diesen etwa 3 Minuten langen Song aus dem Jahr 2003 abspielen.

Das Lied ist gespickt mit Hinweisen und Anspielungen, die ganz deutlich machen, dass hier nicht nur Profimusiker am Werk sind, sondern auch ein Theologe und ein Germanist ihre Sicht und ihr Wissen über das Singen musikalisch verarbeiten.

Sie singen davon, dass mehr als 60 Muskeln beteiligt sind, wenn wir singen. Eine schon fast sportliche Leistung.

Sie erinnern an das Zitat von Johann Gottfried Seume, der 1904 schrieb:

„Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder.“

Mit Blick auf die Geschichte formulieren die Wise Guys dieses etwas um, nämlich so, dass Bösewichter keine guten Lieder haben. Aber auch da kann man zweifeln.

Der Song jedenfalls fordert auf, dass jeder singen soll, egal, ob klein oder groß, egal wo, in der Dusche, im Auto, in der Kirche, egal ob eine Bachkantate oder ein Kinderlied, egal ob man nun gut singen kann oder wie ich nur laut.

Auch zu jedem Anlass soll man singen.

„Sing, wenn du gewinnst. Aber auch sing, wenn du verlierst.“ Heißt es im Song und er schließt dann ab mit „Sing auch bei ‚ner Beerdigung“.

Auch das ist etwas, das ja passiert und wie selbstverständlich zu unserer Sepulkralkultur gehört.

Auch in den dunkelsten Stunden des Lebens gilt: Singen macht gesünder, froher, zuversichtlicher und hilft – dank der Produktion von Glückshormonen – gegen Angst, Stress und sogar Depressionen. Singen hilft bei der Bewältigung von extremen Gefühlen und Traumata.

Auch Menschen, die schwere körperliche Arbeit verrichten müssen, bewerkstelligen diese leichter, wenn sie dabei singen. Zunutze machen wir in Julianadorp uns das nächste Woche wieder, wenn die Avond-4-daagse ansteht. Lustig formuliert würde ich sagen: hier singen eher die Eltern, die mitlaufen und aufpassen müssen, vor Anstrengung und Sorge, denn die Kinder, denen das in erster Linie Spaß macht.

Weniger lustig, sondern sehr ernst und traurig sind diese Wirkung und Funktion der Musik, wenn ich an die Sklaven denke, die auf den Baumwollfeldern ihrer Gutsherren geschuftet haben, und sangen, um ihr Elend besser zu ertragen.

Diese Spirituals, die als Vorstufen des Gospels gelten, spielen eine Rolle auch bei etlichen Aufständen der Sklaven und letztlich der Befreiung der Sklaven in Nordamerika. Die Sprengung ihrer Ketten – der wirklichen Ketten wie der Ketten und Gefängnisse in den Köpfen der Menschen – ist immer auch ein Stück verbunden mit dieser Musik.

Um Musik, ein Gefängnis und gesprengte Ketten dreht sich auch eine Geschichte, die sich vor fast 2000 Jahren abgespielt hat. In der Stadt Philippi, in der römischen Provinz Makedonien sind Paulus und Silas unterwegs.

Sie haben gerade dem Besitzer einer Magd, die wahrsagen konnte und damit ihrem Besitzer viel Geld eingebracht hat, das Geschäft vermasselt. Sie haben den Geist, der es der Magd ermöglichte hellzusehen, ausgetrieben.

Aus Rache haben die Besitzer der Magd die beiden dann verhaften lassen. Aufruhr und das Untergraben der römischen Lebensordnung lauteten die Anklagepunkte.

Der Mob hat das sofort aufgenommen und die staatlichen Befehlshaber ließen die beiden ohne weiteren Prozess erniedrigen und verprügeln.

 

APG 16.23-34: Paulus und Silas im Gefängnis

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen.
24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen.
26 Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.
27 Als aber der Kerkermeister aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
28 Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
29 Der aber forderte ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen.
30 Und er führte sie heraus und sprach: Ihr Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
31 Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
32 Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
33 Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen 34 und führte sie in sein Haus und bereitete ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

 

Gesang, der Ketten sprengt. Keine Posaunen und lautes Kriegsgeschrei, wie in Jericho, sind es hier. Keine lange Geschichte um das Lied herum, nur wenige fast beiläufige Worte. Es fällt beim Lesen oder Hören der Geschichte darum auch erst einmal schwer zu verstehen, warum dieser Text zum Gottesdienst am Sonntag Kantate gehört.

Die Lutherbibel macht es sogar noch schwerer zu begreifen, da sie nur davon spricht, dass Paulus und Silas Gott lobten. Ein Blick in sowohl andere Übersetzungen als auch in den griechischen Text, in dem das Wort „hymnoun“ also Hymnus oder Hymne, vorkommt, macht aber deutlich, dass die beiden gesungen haben und so Gott lobten.

Eine eigentlich absurde Vorstellung. Das finsterste Kerkerloch, mitten in der Nacht und im besten Falle sollte man jetzt Schnarchen erwarten und realistisch betrachtet eher das Schmerzwimmern und Klagegeheul von Gefangenen. Oder ängstliche Stille, man will ja nicht auffallen beim Bewacher.

Und in diese Stille hinein kommen auf einmal ganz andere Töne.

[Cellomusik: SHALOM]

Ich stelle mir vor, dass selbst diese beiden mutigen, erfahrenen und gottesfürchtigen Missionare erst einmal ihre Stimme wiederfinden mussten und sie erst leise und verhalten ihr Loblied begannen.

[Cellomusik: Shalom Chaverim]

Und ich stelle mir auch vor, dass die beiden keine professionellen Sänger waren und außerdem ihre körperliche Verfassung nicht so war, dass sie auftrittsreif singen konnten.

[Cellomusik: shalom chaverim shalom chaverim]

Und doch denke, dass was sie gesungen haben, so eingänglich war, dass die anderen Gefangenen es nicht nur hörten, wie die Apostelgeschichte schreibt, sondern dass sie vielleicht grad so nicht mitgesungen, aber zumindest mitgesummt haben.

[Cellomusik: shalom chaverim – ganz]

Sicher war dies nicht das, was die beiden gesungen haben und ein wenig klischeehaft und stereotypisch ist meine Liedauswahl vielleicht auch. Aber ging es Ihnen nicht zumindest auch kurz so, dass sie gerne mitgesummt oder sogar gesungen hätten?

Das ist das ansteckende von Liedern und auch, wenn wir vielleicht nicht ganz textsicher sind oder hie und da eine Note verhauen, so ein Lied bewirkt doch etwas in uns.

Plötzlich ein Erdbeben und die Gefängnistüren stehen offen und die Ketten sind gesprengt.

War es der Lobpreis Gottes, der nicht unerhört geblieben ist? Vielleicht.

Viel interessanter finde ich aber, dass die Gefangenen nicht weggelaufen sind. Das rettet nicht nur dem Wärter das Leben, sondern es ermöglicht auch den Gefangenen, allen voran Paulus und Silas, dass sie ihren fairen Prozess noch bekommen. Dieser Prozess rehabilitiert die beiden ja schließlich auch, der Justizirrtum, dass römische Bürger einfach so festgesetzt werden, wird aufgeklärt und die beiden werden ehrenvoll aus der Stadt geleitet.

Was macht aber das Singen im Kerker so besonders? Die Situation zum einen. Die Antwort liegt aber auch ein Stück darin, dass das Singen der Gemeinde im Gottesdienst oder als gottesdienstliche Tätigkeit anscheinend ein Alleinstellungsmerkmal des Christentums sind. In den beiden anderen Buchreligionen sind es im Gottesdienst Vorsänger, maximal noch Chöre, die singen. Instrumente wie unsere Orgel mit auch noch heute einer Frau daran oder gar ein Cello, das von einem Kind gespielt wird, sind beinahe undenkbar.

Unsere Lieder, unsere Kirchenlieder sind einheitsstiftend. Über Generationen, Geschlechter und auch Konfessionen hinweg.

Unsere christliche Kultur des Kirchenliedes ist prägend und das nicht erst seit Luthers Zeiten.

Zu den Mythen rund um christliche Märtyrer gehört auch die Erzählung, dass zum Tode verurteilte Christen, die in der Arena von Tieren zerfleischt werden sollten, nach einer Weile nicht mehr mit Flucht und Verzweiflung reagiert haben, sondern sich als Gruppe zusammen stellten und die Lieder, die sie aus Gottesdiensten kannten, leise sangen. Die Tiere beruhigte das und sie umkreisten die Christen, taten ihnen aber nichts.

Ob wahr oder nicht: wichtig ist die Gewissheit, dass Singen Kraft gibt.

Es gibt noch viele Beispiele, in denen Musik religiös oder profan eine besondere Rolle in gerade schweren Zeiten spielt.

Zum Beispiel die Kapelle auf der Titanic, die angeblich bis zuletzt spielte – als letzten Titel einen Kirchenchoral.

Oder ein „Stille Nacht“, das mit dem Weihnachtfrieden in den Kriegsgräben des 1. Weltkrieges verbunden steht.

Ich denke auch an die Menschen in Paris, von denen sich beim Brand von Notre Dame vor einem Monat etliche Menschen auf der Straße zusammengefunden haben und Kirchenlieder gesungen haben.

So gehen die Beispiele weiter und ich könnte noch ganz lange über die Wirkung von Liedern im Allgemeinen und ihre Bedeutung im christlichen Kontext im Speziellen weiterreden.

Aber auf eines der bekanntesten Lieder, das unumstößlich mit Gefängnis und Unterdrückung verbunden ist, will ich doch noch eben zu sprechen kommen.

[Cellomusik: Von guten Mächten]

Sicher haben sie es erkannt. Und vielleicht ging es ihnen wieder so, dass sie gerne mitgesungen hätten. Es ist die Melodie, die Otto Abel 1959 zu einem Gedicht geschrieben hat, das der Theologe Dietrich Bonhoeffer 1944 gedichtet hat.

„Von Guten Mächten treu und still umgeben“.

Wenn ich die Melodie höre, dann habe ich zwei Bilder in meinem Kopf. Zum einen das Bild eines Gottesdienstes am Altjahresabend mit leuchtendem Weihnachtsbaum in einer ansonsten mäßig beleuchteten Kirche und viele nachdenkliche, melancholische Mienen.

Zum anderen ist da ein Bild, das es so nie gegeben hat. Es ist das Bild von einem Mann, der in seiner Gefängniszelle an einem Schreibtisch sitzt, Zeilen schreibt und dazu eine Melodie summt. Ein Mann, der gerade ungewollt einen Welthit komponiert.

Einen Fehler dieses Bild, habe ich ja eigentlich schon verraten.

Bonhoeffer hat den Text ja eigentlich – wahrscheinlich zumindest – nicht als Liedtext verfasst. Auf einem Blatt Papier hat er die 7 Verse eingebettet in Zeilen, die er kurz vor Weihnachten für seine Verlobte Maria von Wedemeyer verfasste.

Bonhoeffer war zu diesem Zeitpunkt seit 1 ½ Jahren Gefangener des Naziregimes und sich sehr wahrscheinlich bewusst, dass seine Tage gezählt waren. Und leider waren diese Zeilen auch wirklich die letzten theologischen Gedanken, die von Bonhoeffer überliefert sind.

Umso beeindruckender ist es, wie vertrauensvoll dieses Gedicht ist. Welcher Eindruck und welche zeitlose Ausstrahlung von diesen Versen ausgehen, zeigt sich auch darin, dass die Vertonung von Abel zwar die älteste ist, aber dass ihr noch beinahe 70 weitere folgten.

Unzählige Menschen schöpfen aus diesen Zeilen Trost für erfahrenes Leid, aber auch Hoffnung auf bessere Zeiten. Das Lied wurde nicht nur übersetzt, z.B. ins Niederländische, sondern es ist seit einigen Jahren auch fester Bestandteil des katholischen Gesangbuches, nachdem etliche katholische Gemeinden es ohnehin bereits jahrelang gesungen haben.

Ich will ganz ehrlich sein: ich konnte lange mit der Melodie von Abel nichts anfangen. Auch für mich ist es die erste Melodie gewesen, die ich zu dem Lied kannte. Ich fand sie aber immer etwas zu getragen und zu traurig und ich habe die Hoffnung darin nie hören können.

Vielleicht liegt es an der Melodie selbst, vielleicht auch nur an den Organisten, die es deprimierender gespielt haben, als nötig. Oder einfach daran, wie ein Kind diese Melodie wahrnimmt.  Das Bild des gefangenen Bonhoeffer hat sich dabei trotzdem in meine Vorstellung eingebrannt.

Dabei ist die Botschaft der Verse eine, die mich immer wieder begleitet und die seit meiner ersten Predigt vor 20 Jahren auch immer wieder Thema meiner wenigen Predigten ist, die ich schreiben darf: Fürchtet euch nicht!

Mein Hebräischlehrer sagte dazu, dass diese Zusage 365-mal in der Bibel vorkommt. Für jeden Tag des Jahres einmal.

Ich habe nicht nachgezählt, aber wenn es eine dieser Stellen gibt, die Bonhoeffer vielleicht beim Dichten begleitet hat, dann ist es Lukas 12,4: „Fürchtet euch nicht vor denen, die zwar den Leib töten, euch aber sonst nichts anhaben können“.

Fürchtet Euch nicht, vielleicht die stärkste und kürzeste Zusammenfassung und Aussage der Bibel bzw. der Menschen, über die die Bibel berichtet.

Aber zurück zur Melodie: was bin ich froh, dass unser Gesangbuch eine Alternative im Angebot hat: die Fassung von Siegfried Fitz von 1970. Hier steht das Lied übrigens nicht wie die ältere Melodie als Silvesterlied drin, sondern im Teil, der „Geborgen in Gottes Liebe“ überschrieben ist.

Wie sehr würde dieses Lied auch auf die Szene in Philippi passen. Paulus und Silas im Gefängnis, gefoltert und weggesperrt. Und doch stimmen sie ein Lied an, voll Vertrauen in Ihren Gott. Geborgen in Gottes Liebe. Von guten Mächten treu und still umgeben.

„Sing mal wieder!“ das war mein Einstieg in diese Predigt. Mit dieser Aufforderung will ich auch abschließen, nicht nur, weil wir gleich gemeinsam die zumindest für mich schönere Fassung des Bonhoeffer Liedes singen werden.

Auch nicht, um noch einmal Werbung für das Chorprojekt unserer Gemeinde zu machen.

Sondern aus der tiefsten Überzeugung, dass das Singen wie das Beten zu uns und unserer christlichen Identität gehört. Jedes gesungene Lied kann so Teil der Gestaltwerdung von Hoffnung und Veränderung sein.

Das ist ein Teil der Verheißung des heutigen Sonntags Kantate, dass wir mit unserem Singen beitragen, dass Fesseln brechen und Tränen getrocknet werden.

Aber auch dass Geschichten geschehen, wie die, die ich hier fast komplett ausgelassen haben, die Geschichte des Gefängniswärters. Das ist die Geschichte einer anderen Befreiung – eine Befreiung, die wir in der Osterzeit mit Blick auf Karfreitag auch nicht ganz vergessen und aus dem Blick lassen sollten.

AMEN

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen

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