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Ich trage heute keine Socken

Ich trage selten Socken, barfuß gehe ich zu Grunde und trage Barfußschuhe auch jetzt im Herbstwinter bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Trage ich dann mal Socken, dann meistens mit (Leder-)schuhen zu einem besonderen Anlass. Oder ich versuche Socken mit Motiven oder bunten Mustern zu tragen. Dann habe ich einen Bunte-Sockentag.

Bei meinen zwei jüngsten Kindern ist fast eh immer Bunte-Socken-Tag, was daran liegt, dass sie ihre Socken selbst nach dem Waschen sortieren müssen und darauf keine Lust haben – keine Ahnung was der Rest der Welt mittlerweile hier über uns denkt, aber ist mir auch scheißegal.

Nun ist der Bunte-Socken-Tag zum einen aber auch am 21. März der Welt-Down-Syndrom-Tag, zum anderen sind Bunte Socken auch ein Lied und Album der A Capella Band Alte Bekannte. Die Alten Bekannten sind die Nachfolgeband der Wise Guys (auch wenn nur noch ein Gründungsmitglied der Wise Guys mitsingt) und haben wie viele andere Kulturschaffende auch in den vergangenen Pandemiemonaten ihren Beruf kaum bis gar nicht ausübern können. Onlinekonzerte sind derzeit die einzige Methode, um doch eine größere Zuschaueranzahl zu erreichen, auch wenn das die Ausfälle der Einnnahmen von einer Tour mit mehr als 100 Auftritten pro Jahr nicht Wett machen kann. Drei dieser Onlinekonzerte haben wir uns ansgesehen (wobei wir das erste nur zufällig gesehen haben, da es aus technischen Problemen kostenlos über Youtube ausgestrahlt wurde und nicht über den bezahlten Anbieter laufen konnte). Am Freitag kurz entschlossen haben wir dann doch unser Sofa-voll-Familienticket gelöst und uns das Konzert angesehen. Das ist nicht das gleiche, wie live in einem Konzertsall oder Freiluft bei einem Konzert zu sein, aber mit Beamer, Leinwand und lauter Stereoanlage macht es doch ein wenig Laune.

Wie wichtig das Live-dabei-sein ist, das ist mir dieses Jahr beim Abschlußkonzert in der Triade und bei den Hello Cello Auftritten bewußt geworden. Auch das Dabei sein als Zuschauer oder Freiwilliger bei den Schwimmwettkämpfen von Emil macht noch einmal ganz anders Laune, als wenn dies nur via Livestream oder aus Erzählungen verfolgt werden kann.

In meiner FB Timeline habe ich heute einen interessanten Artikel gesehen, der genau über diese Wirkung von Kunst, Kultur, Sport aber auch Religionsasausübung handelt (https://www.volkskrant.nl/cs-b3850c59). Der Artikel beleuchtet dabei, dass Kunst und Kultur nicht nur selbst die Pandamie überleben sollen, sondern auch einen gewaltigen Beitrag liefern können, um die Folgen der Pandemie zu überstehen. Neben den Folgen für die Kunsttreibenden und neben den gesundheitlichen Folgen (bis hin zum Tod) durch die Infektion mit diesem Virus selbst, ist auch auch unsere Psyche, die heil über diese Monate (oder Jahre) hinweg kommen muss, sind (physische) gesundheitliche Folgen der Pandamiebeschränkungen zu bedenken und auf lange Sicht auch die Folgenden, wie wir unser Zusammenleben gestalten möchten, wenn wieder mehr und hoffentlich alles sicher möglich ist. Was für eine Sicht auf unsere Mitmenschen wollen wir dann haben? Derzeit gehen wir viel um mit Statistiken, reden und schreiben über systemrelevante Berufe, essentielle Läden und beurteilen teilweise bewusst und oftmals unbewusst, was wir wirklich für wichtig halten. Wo bleibt hierbei das Wort Solidarität? Oder Mitmenschlichkeit.

Das Bild vom alten Sänger, der eigentlich nicht mehr selbst singen kann, macht mich zusätzlich nachdenklich. Neulich war ich auf einer Mitgliederversammlung im Sportverein meines Sohnes. Es ging auch um die Frage, in wieweit Breitensport oder Leistungssport das Leitmotiv des Vereins sein sollen. Schlimme Frage, vor allem im harten Kontrast und nicht als Frage ob neben Breitensport, für den ein Sportverein erst einmal stehen sollte, auch Leistungssport gefördert werden soll. Natürlich sind diese Ausnahmesportler nötig und ohne gute Sänger ist ein Chor nur schwer zu ertragen. Aber neben der gesellschaftichen Relevanz, die beide haben sollte ist auch der eigene Nachwuchs nut schwer rekrutierbar, wenn sich keiner mehr traut, weil ja eh nur besonders starke Schwimmer, Läufer oder Sänger angenommen werden.

Am Anfang der Pandemie, also nach ein paar Wochen Stillstand, haben viele von einer Neubesinnung gesprochen und die positiven Effekte der Beschränkungen beispielsweise im Verkehr auf die Umwelt herausgehoben. Nach einem weiteren Jahr fürchte ich, dass wir hieraus wenig gelernt haben. Die gleichen Mechanismen wie vor der Pandemie treten wieder in Kraft und werden teilweise verstärkt. Individualismus und Ellbogengesellschaft erreichen neue Allzeithochs. Wissenschaft und auch Kultur auf der anderen Seite erleben eine kaum zu ertragende Abseitsstellung, obwohl wir beide so nötig haben, wie selten zuvor.

Ich habe immer noch keine Socken an, aber vielleicht sollte ich heute Abend doch meine bunten Socken anziehen. Um meine Füße zu wärmen und mich sowohl daran zu erinnern, welche Welt ich gerne um mich herum hätte, aber auch welche Welt ich zum Glück direkt um mich zu Hause habe.

Es ist ganz egal, dass der Himmel ziemlich grau ist.

Du weißt ja, dass er vielleicht schon morgen wieder blau ist,

und dass dich heute sowieso mal gar nix schocken kann.

Gar nix! Denn du hast deine bunten Socken an.

ALTE BEKANNTE, bunte Socken, Text: Dän Dickopf

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