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Kaugummiautomat

Seit kurzem arbeite ich für einen großen Streamingdienst (angestellt über ein CallCenter) und das Bild, das ich oft gebrauche, um das Abrechnungsmodel dieses Prepaidanbieters zu erklären, ist das Beispiel des Kaugummiautomaten. Steckt man Geld rein, dann kann man am Rädchen drehen und bekommt seinen Kaugummi. Kein Geld – kein Kaugummi. Kein Zehnpfennigstück dabei, dafür eine Mark: kein Kaugummi, auch keine zehn Kaugummis.

Ich weiß gar nicht, wie das heute in Deutschland ist, ob diese zumeist roten Automaten mit einer Glasscheibe, um die Ware begutachten zu können, überhaupt noch auf den Dörfern und in den Städten hängen oder ob sich dieses Geschäftsmodel nicht längst überlebt hat. Früher lernte man mit diesen Automaten aber eine Menge und wenn wir bei uns im „Zoo um die Ecke“ sind, wo so ein Automat noch hängt und für Tierfutter gebraucht wird, denke ich mir, dass es irgendwie auch schade ist.

Da sind erst einmal die motorischen Fähigkeiten, die hier geschult werden: das Einfädeln der Münze in den Drehmechanismus. Das Drehen der Scheibe, die hin und wieder klemmt und hakt. Dann das Öffnen der Klappe: bei nur einem Kaugummi ist das ganz leicht, aber wenn man mehrere Kaugummis, oder wie im Zoo ganz viele kleine Stückchen rausholen muss, gerät das schon zu einer Herausforderung, vor allem für kleine Kinderhände.

Bei meinem Arbeitgeber rufen zu wenig Leute an, die sich – wenn überhaupt – noch an Kaugummiautomaten erinnern können. Vielleicht kennen sie die großen Wurlitzer, die nicht nur Geld wechseln können, sondern auch hin und wieder Karten akzeptieren. Diese haben natürlich eine andere Problematik, wenn nämlich der elektronische Münzerkenner eine Münze nicht erkennt. Reibespuren sind an eigentlich jedem Automaten sichtbar, der diese Erkennung für Münzen hat. Der alte Kaugummiautomat hatte das nicht und konnte schonmal mit einer Unterlegscheibe in der richtigen Größe ausgetrickst werden. Aber woher nehmen, wenn man nicht Handwerkerssohn war?!

Neben den Fähigkeiten, die ein Kaugummiautomat motorisch und kognitiv abverlangt sind lernt man vor allem auch Soft Skills wie Geduld haben, mit dem zufrieden sein, was man bekommen hat (roter Kaugummi schmeckt besser), sich auf und über etwas Kleines freuen und mit der Enttäuschung umgehen, dass der Geschmack nach 30 Sekunden bereits weg ist. Auch daran merke ich, dass viele meiner Kunden nie bei einem Kaugummiautomaten Kunden waren.

In Coronazeiten scheint mir so ein Kaugummiautomat irgendwie undenkbar. Das Ding hängt da einfach so rum, hat keine Zugangsbeschränkung, wird nie (wirklich nie!) desinfiziert (oder überhaupt sauber gemacht) und wenn man mit dem Kaugummi (der ja nur kurz nach irgendwas schmeckt) auch noch Blasen macht, dann platzt das ja und verbreitet so die Viren, die ich möglicherweise in meinem Atem habe. Vielleicht sollte ich mich also nicht so stark dafür machen, dass wieder Kaugummiautomaten aufgehängt werden.

Trotzdem nett, wie so ein dummes Ding beim Bäcker an der Hauswand prägend für ein ganzes Leben sein kann – und was es mit Menschen macht, die dieses Erlebnis anscheinend nie hatten oder zumindest nie überwunden haben.

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