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Helden? Nein Danke!

„Helden? Nein Danke!“ titelt die aktuelle Ausgabe der EMMA. Nun habe ich noch nie eine Ausgabe der EMMA gelesen und habe auch nicht vor, diese Publikation wirklich in Zukunft zu konsumieren. Mehrfach schon waren hier Artikel in anderen Medien rezensiert, bei denen man eigentlich nur den Kopf schütteln kann. Das Weltbild vor allem der Gründerin war in der Vergangenheit revolutionär und für die Erlangung von Frauenrechten unabdingbar, ist aber leider in vielen Punkten auf 30, 40 Jahre alten Parolen und Weltbildern stecken geblieben und hat jetzt die Haltung derer, die entweder mit dem Status Quo weitgehend zufrieden sind und sich deshalb nicht mehr ausserhalb der eigenen Blase engagieren, oder Angst haben, dass ihre eigenen Themen keine Aufmerksamkeit mehr bekommen.

Normalerweise würde es mich auch nicht wirklich kümmern, was für ein Cover die EMMA hat oder was für einen Unsinn – im Glauben Gutes bewirken zu wollen – hier geschrieben wird. Was mich hier getriggert hat sind die Namen. Es sind Namen wie Reinhard Mey, Ranga Yoegeshwar oder auch Renate Schmidt. Menschen, die bei mir eigentlich einen hohen Stellenwert genießen – oder genossen haben – wenn es um Fragen von Ethik und Weltsicht geht. Andere, wie Dieter Nuhr, hatte ich ja schon abgeschrieben, aber die Namen oben tun weh. Diese Namen bzw. Menschen nun sind Mitunterzeichner eines offenen Briefes an Bundeskanzler Scholz. Ein Brief, der auffordert, um keine weiteren Waffen zu liefern und die abwartende Haltung der vergangenen Wochen beizubehalten.

Nun habe ich zu Anfang des Krieges in der Ukraine selbst noch das Video zu Reinhard Meys Lied „meine Söhne geb‘ ich nicht“ gepostet und stehe auch immer noch dazu. Meine Kinder lasse ich nicht in den Krieg ziehen, so lange ich das wie auch immer verhindern kann.

Doch dieser Brief macht einfach nur wütend: die deutsche Politik soll beitragen, zu einem Kompromiss zu führen, den beide Seiten akzeptieren können (sic!). Eine Eskaltion, vor allem ein Atomkrieg (oder atomare Eskalation, wie es der Brief nennt), wären nicht nur Schuld dessen, der diesen auslöst, sondern auch dessen, der angegriffen wird? Diese Logik in einem Medium zu lesen, dass sich in der Vergangenheit dafür stark gemacht hat, dass Vergewaltigung in der Ehe bestraft wird, dass sich gegen eine Opfer-Täter-Umkehrüberhaupt bei Vergewaltigungen startk gemacht, dies hier zu lesen ist fast schon unerträglich.

In der Liste der Unterzeichner sind – wie schon erwähnt – Menschen dabei, die für mich wichtige Stimmen der Vernunft, Wissenschaft und Ethik waren. In gewisser Weise Stimme ich dem EMMA Cover da ja dann auch zu: Helden? Nein Danke! Zumindest sind diese Menschen keine Helden, nicht für mich (Helden und Idole lehne ich für mich sowieso ab) aber auch sonst für niemand.

Was diese Menschen hier unter dem Deckmantel von Ethik („moralisch verbindliche Normen […] universaler Natur“) und Besorgheit für die Menschen in der Ukraine und weltweit von sich geben ist im besten Falle einfach nur feige. Schlimmer aber ist, dass es einer falschen Logik folgt, nämlich der dass man dem Agressor nachgeben soll. Das Recht des Stärken anerkennen führt aber dann noch nur dazu, dass dieser – vermeindlich – Stärkere nicht bei diesem Kompromiss aufhört. Das sollte spätestens seit 2014 und der Krimbesetzung deutlich sein. Es folgt auch der falschen Logik, dass so ein fauler Kompromiss den Menschen in der Ukraine ein Leben ohne Angst um Leib, Leben und Unversehrtheit zurückgibt – von politischer Selbstbestimmung mal ganz abgesehen. Den Nachbarländern, allen voran Moldawien, wäre damit auch klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, ab wann auch sie einen „Kompromiss“ vorgelegt bekommen. Was sagen diese Intellektuellen dann? Am besten bereits vorher einen „Kompromiss“ anbieten?

Überhaupt ist die Sprachverwendung hier etwas, dass mit sauer aufstößt. „Kompriss“ steht hier anstelle von Kapitulation. Besonnenheit für Zaudern. Der zweite Absatz eine typische Einleitung „wir sind doch nicht….“ um dann nach einem „aber“ (hier durch ein „doch“ ersetzt) die echte Botschaft zu senden. Auch den „Gegenschlag“, den sie seitens Russlands fürchten, kann kein Gegenschalg sein, denn Russland hat diesen Krieg begonnen.

Unterbaut bzw. sprachlich untermalt wird dieser ganze Brief mit Schnörkelformulierungen, die nur dem zwecke dienen, intellektuell daher zu kommen. Was wirklich dahinter steckt ist pure Angst, dass es auch für uns unangenehm werden könnte. Und zumindest diese Angst ist realistisch. Der offene Brief und die Forderungen dieser Leute stellen aber keinen Beitrag dar, um dieser Angst die Grundlage zu nehmen. Über diesen Punkt der Diskussion scheint mittlerweile auch die deutsche Aussenpolitik hinweg zu sein – denn die berechtigten Fragen, aus denen sich der Brief speist, wurden lange und gründlich abgewogen. Aber wer jetzt noch nicht einsieht, dass gerade mit Blick auf die historische Verantwortung Deutschlands ein weiteres Abwarten nicht an der Tagesordnung ist, der sollte sich selbst wirklich nicht Intellektueller nennen.

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