Medien,  Sprache

Spieglein, Spieglein an die Wand

Ja, an die Wand, nicht an der Wand.

So wie in „an die Wand gefahren“ oder „an die Wand stellen“.

Beides sind im Moment mehr oder minder richtige Formulierungen, wenn es um die neueste „Spiegel Affäre“ geht, auch wenn dieser Begriff natürlich historisch einmalig belegt ist und bleibt.

Es geht um die Artikel von Claas Relotius, bis vor kurzem Redakteur beim Spiegel und anscheinend der Shootingstar der deutschen Journalistenszene, die er teilweise beschönigt, teilweise frei Schnauze ergänzt oder komplett von der Leber weg erfunden hatte. Fake news halt.

Nun wimmelt es an allen Ecken und Enden von Häme seitens derjenigen, die den Establishmentmedien ja ohnehin reines dogmatisches Falschmelden vorwerfen und auch von den Kollegen, die sich im Normalfall ein Scheibchen (oder zwei) von der Arbeitsweise des Spiegel abschneiden können. Allen voran das Blatt mit den vier großen Buchstaben.

Der Spiegel selbst reagiert mit der Flucht nach vorne. Alles transparent und mit großer Entschuldigung. Leider wirken die Beinah-Heilgsprechung des Kollegen, der die Enthüllung ins Rollen gebracht hat und die Art der Entschuldigung sehr….. wie sag ich das? Falsch und Heuchlerisch. Eine ehrliche Scham ist anders. Hier wird nur versucht Herr der Berichterstattung zu bleiben. Es wirkt mehr wie der Gang nach Canossa, weniger wie ehrliche Aufarbeitung und Scham. Eine Arroganz, die sich nicht nur rächen könnte, sondern neben dem Spiegel der gesamten Zunft Schaden zufügen könnte, der über das hinausgeht, was C.R. bereits angerichtet hat.

Natürlich stimmt es, dass nicht allein der Spiegel hereingefallen ist, auch andere Medien haben in den vergangenen Jahren Artikel von C.R. veröffentlicht (und müssen diese nun checken und zum Teil auch hier erhebliche Mängel feststellen). Natürlich haben auch die Jurys der verschiedenen Preise, die C.R. eingeheimst hat, ihn hofiert. Trotzdem bleibt er erst einmal ein Spiegelangestellter und nirgendwo sonst so viel Schaden mit so vielen mangelhaften Artiklen angerichtet.

Trotzdem hat natürlich auch Christian Linder mit seinem Tweet recht: „Die Debatte im #qualitätsjournalismus nach dem Fall #relotius ist beachtlich. Sie spricht für unser System der freien Medien, die oft zur Selbstkorrektur und Selbstreflexion fähig sind – das ist das Gegenteil von #fakenews.“

Der Stern hat die A.H. Tagebücher überlebt, aber irreperabel angeschlagen. Der Spiegel wird auch überleben. Wie angeschlagen und mit wieviel Beischaden, das wird sich zeigen.

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