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Was heißt eigentlich „gay“?

Unlängst hat mein Sohn uns beim Essen gefragt, was denn das Wort „gay“ überhaupt bedeutet. Auf die Frage, warum er das wissen will, hat er geantwortet, dass Kinder in seiner Klasse ihn wegen seiner langen Haare hänseln und auch fragen ob er ein Mädchen ist oder „gay“. Wir haben ihm dann erklärt, das „gay“ das englische Wort für „schwul“, bzw. „homosexuell“ ist und, dass er sich nicht ärgern lassen soll: erstens weil er nicht schwul ist nur weil er lange Haare hat und zweitens, selbst wenn er „gay“ wäre, das nicht schlimm wäre, also da eigentlich gar kein Schimpfwort mehr sein sollte.

Kurze Zeit später, letzte Woche, haben wir in der Schule ein Gespräch über unseren Sohn gehabt, zusammen mit zwei seiner Grundschullehrerinnen, seinen beiden Plusklassenlehrkräften und der internen Begleiterin der Grundschule. Fünf Menschen, die also mehr oder weniger aktiv bei der Erziehung meiner Kinder mitwirken. Im Gespräch kamen wir auch auf diese Episode bei uns am Tisch, als ein Teil der Hänseleien, derer sich unser Sohn leider in seiner neuen Klasse ausgesetzt sieht (bzw ,sah). Keine dieser Personen hat in irgendeiner Art (merkbar) so reagiert, dass sie nicht selbst auch „gay“ als Schimpfwort betrachten würden.

Gestern war „Internationaler Tag gegen Homphobie, Transphobie und Biphobie“ (IDAHOT) und irgendwie musste ich an den Tag genau eine Woche zuvor denken. Natürlich in erster Linie darüber, wie es mich ärgert, dass hier mit keinem Wort darauf eingegangen wurde, ob es vielleicht sein könnte und wie dann damit umgegangen werden solle, dass unser Kind eventuell wirklich „vom anderen Ufer“ ist. Nicht, dass ich das glaube, aber diese Möglichkeit im Gespräch zumindest an zu sprechen mit der Möglichkeit, dass hier vielleicht auch Eltern sitzen könnten, die genau aus diesem Grund dort sitzen, dass hätte man doch erwarten können. Den „Lilafreitag“ (Paarse vrijdag) an Schulen habe ich nie wirklich ganz verstanden. Ein Tag im Jahr Respekt für eine Gruppe Menschen, die eigentlich das ganze Jahr den gleich Respekt verdienen sollten, wie alle anderen Menschen. Das ist wie Muttertag, der einzige Tag an dem Mutter nicht für Frühstück und alles andere im Haushalt zuständig ist.

Ich habe aber auch über mich nachgedacht und darüber, wie selbstverständlich ich früher (in den 90er und 2000er Jahren) über das Komikerduo Erkan & Stefan gelacht habe, die alles mit „ist schwul“ abgewertet haben, was ihnen nicht passte. Ein wenig Unbehagen habe ich vielleicht damals schon gehabt, denn es erinnerte mich dann wieder an den Film „Philadelphia“, aus dem Jahr 1993, in dem ein durch AIDS todkranker Anwalt (gespielt von Tom Hanks) seinen ehemaligen Arbeitgeber wegen Diskriminierung (aufgrund seiner HIV Erkrankung und Homosexualität) verklagt. In dem Film wird im Gerichtssaal von einer vorherigen Begebenheit erzählt, in der die Anwälte beieinander (in der Saune?) sitzen und Witze über Schule machen und der nicht-geoutete Anwalt wird quasi gezwungen mit zu lachen. Die Witze waren so ausgewählt, dass man als Kinozuschauer nicht wirklich wusste, sollte man mitlachen oder peinlich berührt sein. Hätte man nicht gewusst, dass diese Witze über einen Anwesenden gehen, hätte man im Kino an anderer Stelle vielleicht einfacher mitgelacht?

Fast 30 Jahre ist es her, dass „Philadelphia“ in den Kinos lief, Tom Hanks seinen ersten Oscar bekommen hat (heute würde die Rolle sicher nicht mehr mit ihm besetzt werden) und weite Teile der Kino-Bevölkerung dachten: so, das ist jetzt ein weiterer Durchbruch für die Rechte und die Akzeptanz von Schwulen. Was die Rechte angeht, so hat es in Deutschland immerhin bis 2017 gedauert, bevor gleichgeschlechtliche Paare sich trauen lassen konnten, hier in den Niederlanden ist dies immerhin bereits seit 2001 erlaubt. Systematische Diskriminierung schwuler Männer besteht au dem Papier lediglich noch beim Blutspenden.

Was die Akzeptanz angeht, sieht es schon anders aus. Schwul, Homo, Tucke, Schwuchtel usw. sind immer noch als Schimpfwörter im Gebrauch, nicht nur heimlich bei den Hinterbänklern der Schule, sondern auch ganz laut in Fußballstadien. Nicht zuletzt deswegen ist es ein Unikum, dass gestern ein Profifußballer der englischen zweiten Liga sich geoutet hat.Einer der wenigen Fußballer überhaupt und erst der zweite (oder europäisch erste?) aktive Fußballer überhaupt. In der Serie „Doctor Who“ wird ab der kommenden Staffel ein schwuler Mann die Hauptrolle übernehmen (derzeit arbeitet sich die Antiwoke-Community noch an seiner Hautfarbe ab) und eine Trans-Person spielt (zumindest in einem Serienspecial) als Partner mit. Und wieder ist dies Thema, allerdings weniger als bei vorherigen „woken“ Änderungen oder Ideen in der Serie. (Vielleicht kommt der richtige Shit-storm auch noch, mal abwarten).

Schlimm, dass dies überhaupt ein Thema und anscheinend Problem ist, egal ob im Profifußball, Profisport allgemein, Showbiz oder sonst wo. Gleichzeitig aber auch etwas das teilweise erklärt und mich tief pessimistisch stimmt, warum ich das Gefühl habe in den Lehrkräften meiner Kindern keine, zumindest keine ehrlichen, Mitstreiter zu haben, sollte eines meiner Kinder tatsächlich einmal in der Situation sein sich als „anders“ outen zu wollen. Und anders als die Facebook Kommentare zu nicht realen Fernsehfiguren, kann ich das nicht mit einem ungläubigen Lächeln abtun.

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