Medien,  Weltsicht

„wir haben nun schon seit x Tagen Krieg“

…sagte unlaengst die Moderatorin einer Nachrichtensendung. Im deutschen Fernsehen. Aus ihrem Nachrichtenstudio in (wahrscheinlich) Koeln.

Mir ist dieser Satz unangenehm aufgestossen: ja, wir sehen jeden Tag Bilder aus der Ukraine. Ja, wir sind besorgt, erklaeren uns „solidarisch“, wollen vielerorts auch helfen (und tun dies bereits), aber wir – sowohl in Deutschalnd als auch wir hier in den Niederlanden – haben keinen Krieg. Ich bringe meine Kinder ganz normal zur Schule, fahre sie zu ihren Hobbies, zum Zahnarzt, koennte ins Kino und gehe in einem vollgefuellten Supermarkt einkaufen. Die groesste Sorge, die uns hier derzeit erwartet, sind steigende Preise fuer Benzin, Gas, einige Grundnahrungsmittel (vorwiegend aus Weizen) und fuer wahrscheinlich alles, das transportiert oder warm gemacht werden muss (von der Friteuse in der Imbissbude bis hin zur Heizung in Schwimmbaedern).

Diese Sorgen sind fuer manche natuerlich (lebens-)bedrohlich, schon ohne den Krieg leben viele Menschen in Energiearmut, koennen sich nur mit Hilfe sozialer Einrichtungen wie den Tafeln ueber Wasser halten oder haben kaum die Moeglichkeit der Teilhabe.

Trotzdem macht es doch einen Unterschied, ob wir im derzeit sicheren Deutschland oder den Niederlanden sitzen und den Krieg ausschliesslich ueber die Bilder der Medien und sozialen Medien mitbekommen. Die Sorgen, die wir haben, sind vergleichsweise bisher noch klein gegenueber denen, die Menschen haben, die jetzt auf der Flucht sind durch den Krieg, die sich in U-Bahnschaechten verstecken vor Bomben und Raketen oder die in der Ukraine ihr Land verteidigen (und auch wenn es die Angreifer sind: auch die russischen Soldaten sind nicht vollkommen freiwillig dort, wo sie gerade sind und auch in Lebensgefahr sind).

Vielleicht war es als empathische Geste gedacht, so zu formulieren, dass auf europaeischem Boden ein Angriffskrieg ist; wahrscheinlicher war es aber eine bewusste Wortwahl, um den Zuschauer in das Geschehen einzubinden und ihn Teil der Geschichte zu machen, die im Anschluss an diese Anmoderation kam. Jetzt ha’m wir den Salat, so lapidar kam diese Ansage bei mir rueber.

Natuerlich ist es schwierig, die richtigen Worte in der aktuellen Situation zu finden, wenn man um des eigenen Ruhmes wegen originell sein will. Man kann es aber auch mit ein wenig mehr Demut angehen, mit echter Empathie und vielleicht mit guten Journalisten, denen der Inhalt und Wahrheitsgehalt dessen was sie sagen, wichtiger ist, als ihre Person (oder ihr Sender und ihre EInschaltquote).

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