Medien,  Weltsicht

wo soll man da anfangen….

Die Nachrichten voll von Dingen, zu denen ich gerne meinen Senf geben würde, die Social Media Kommentare angestaut mit Müll, den ich am liebsten nicht widerlegen, sondern löschen wollte. Aber wo anfangen?

Ich habe vorgestern meine Predigt zu Weihnachten 2016 überflogen, einen Tag vor dem Attentat bzw. Terroranschlag gestern in Halle. Damals hatte ich den Anschlag auf den Weihnachtmarkt in Berlin in die Predigt aufgenommen, der ja nur wenige Tage vorher verübt worden war. Damals wie heute kommen mir auch Gedanken an ältere Verbrechen in den Kopf, wie zum Beispiel vor einigen Jahren als während einer Christmette jemand in einer Kirche Amok gelaufen ist. Oder wenige Tage zuvor, bei der jemand mit einem Messer in eine Synagoge gegangen ist und Menschen bedroht hat.

Ich denke auch an die Anschläge vom 9. September 2001. Nicht nur wegen eventueller Parallelen der Anschläge an sich, sondern vor allem wegen der Reaktionen aus Politik und Medien. Damals wirkte das noch echt, die Sprachlosigkeit und echte Bestürzung. Man, zumindest ich, hatte den Eindruck, dass da noch wirklich Menschen Politik gemacht haben, die betroffen sind von unerträglichen Verbrechen und Reporter, die auch mal sprachlos sind.

Sonntag in unserer Kirche ging es zu Erntedank um das Danken. Ein Gedankengang unserer Pfarrerin war, dass es eine gewisse Inflation des Dankens gibt. Selbstverständliches wird eben immer weniger selbstverständlich. Weitergedacht entwertet sich das Danken dann nicht genauso wie der Grund für die Dankbarkeit?

Ist es auch so eine Inflation, die die immer gleichen Floskeln nach so einem Attentat, so unehrlich erscheinen lassen? Je nach Nachricht kann man fst schon Bullshitbingo spielen, wer was sagen wird. Hat man „Merkel ist schuld“ auf seiner Bingokarte stehen, dann ist das bereits die halbe Miete. Irgendwer wird für jedes Scenario die Kanzlerin als (Mit-)Schuldige ausmachen.

Wir brauchen mehr Sicherheitsbeamte, weniger Waffen, bessere Überwachung der Gruppen, aus denen sich der jeweilige Täter rekrutiert hat und so weiter. „Nie wieder“ und „wir sind [Platzhalter für Charly und mehr]“ steht in der Bild auf einem Drittel der Startseite. Auf den anderen Zweidritteln kann man dan beobachten, wie heuchlerisch diese Zeitung ist und selbst gefährliche Stimmung macht. Und sie bietet dem Attentäter auch dieses Mal eine Plattform. Sein Name wird in Bild jedesmal ausgeschrieben, jeder soll ihn kennen. Das ist weder nötig sinnvoll, hier sollte kein weiterer Märtyrer geschaffen werden.

Viel widerlicher sind allerdings die Kommentarspalten auf Facebook: was da an menschanverachtenden Kommentaren kommt: unglaublich! Andererseits auch mittlerweile nicht mehr überraschend. Georg Restle, Redaktionsleiter des Politmagazins MONITOR, beschreibt dies heute mit „verhamloste politische Grenzverschiebung in diesem Land“. Das mit dem Land hätte er sich sparen können, denn die Grenzverschiebung findet nicht nur in Deutschland statt, wo ein Gericht Hatern zugesteht, eine Polittikerin aufs tiefste und widerlichste zu diffamieren.

Gesunder Menschenverstand gepart mit etwas Anstand findet sich leider nur vereinzelt. Und das liegt m.E. nicht daran, dass diese dummen und schlechten Menschen in der Mehrheit sind. Es liegt an mir. Also nicht nur, nicht persönlich, sondern an den Menschen wie mir, die es besser wissen. Die aber zu faul, zu ängstlich, zu verzagt, zu ernüchtert, zu irgendwas sind, um diesen Kommentaren jedesmal zu widersprechen. Wo soll man denn anfangen? Es ist die Angst vor dem leeren Facebookpostantwortengefecht. Vereinzelt versuche ich das, aber was bringt das, außer, dass ich mich danach etwas besser fühle? Gewissenshygiene könnte man das nennen. Oder Rückgrattraining. Wobei sich dieses Training anfühlt wie ein McFit Abo: irgendwie nur Alibi, weil ändern wird sich wenig. Ändern werde ich mich wenig. Schade. Und schlimm. Wenn wir alle so sind wie ich, dann gute Nacht.

Zum Glück gibt es auch die, die heute auf die Straße gehen. Zu Synagogen, um Solidarität zu zeigen. Die, die sich für unser Klima auf die Straße setzen und zeigen, dass es Menschen gibt, die für das richtige Ziel bereit sind, zu kämpfen; friedlich. Es wurde gestern an die Menschen erinnert, die in der DDR vor genau 30 Jahren auf die Straße und mit der friedlichen Revolution das Ende der DDR eingeläutet haben. Es gibt sie, die Helden nicht nur des Alltags, sondern die Helden, derer man in 30 Jahren gedenken wird.

Und wieder mixe ich Themen: Umwelt und Terror. Wenn ich jetzt wieder zurück zu Erntedank gehe, dann kann ich Hunger gleich mitaufnehmen. Und Krieg, denn der Irre vom Bosporus (Zitat Martin „Zwinkersmiley“ Sonnenborn) fällt seit gestern in Syrien ein. Und doht: damit die Grenzen zu öffnen und über 3 Millionen Flüchtlinge in die EU zu lassen.

Und irgendwie schließt sich der Kreis dann doch wieder: alles hat etwas mit allem zu tun: so scheinheilig, wie wir das eine Politikfeld angehen, so scheinheilig müssen wir auch weiter machen.

Angst ist dabei einerseits ein schlechter Berater, andererseits aber Triebfeder für einen Haufen politischer (Fehl-)Entscheidungen.

Wo soll man anfangen? Keine Ahnung, aber wenn keiner anfängt, der Gutes im Sinn hat, dann überlassen wir das Anfangen denen, die Leid und Kummer in die Welt bringen.

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