Predigten,  Ulrich

Mit Gott neue Wege gehen

Urlaubs-Gottesdienst im Julianadorp

am 5. So. n. Trinitatis, 17 Juli 2022

[ES GILT DAS GESPROCHENE WORT]

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

GEN 12,1-4a

Das war’s schon?

OK. Mehr steht da wirklich nicht.

Eigentlich eine Zumutung. Also nicht wie der Text vorgelesen wurde, sondern was. Oder was nicht.

Es wird hier ja nicht mehr oder weniger erzählt als der Anfang aller drei Buchreligionen. In kurzen wenigen Sätzen.

Und trotzdem: der Stil, in dem der Text aufgeschrieben ist, scheint eine Zumutung. Keine echte Einleitung, keine Hinführung, kaum eine Vorstellung der Hauptperson der folgenden Kapitel folgt. Wir wissen aus dem vorherigen Kapitel (11) der Genesis nur wirklich Randdaten zu Abrahem: als Sohn von Terach geboren, hat mit Nahor einen lebenden und Haran einen verstorbenen Bruder, in Lot einen Neffen und er ist verheiratet mit Sara, die keine Kinder bekommen kann. Und Terach zog mit Abram und Lot und ihren Frauen nach Kanaan, genauer gesagt nach Haran.

Und dann kommt auch schon dieser Hammertext, in dem Abram aufgefordert wird zu gehen und das auch tut. Wenige Sätze, die eigentlich nur einen Auftrag, eine Verheißung und die Auftragsannahme umfassen. Eigentlich ganz simpel, einfach, deutlich und doch eine ungeheure Zumutung, in der die Kürze des Textes und die dahinter liegende Geschichte nicht miteinander Schritt halten können.

Ich bin sicher, dass die meisten von uns hier schon einmal umgezogen sind. Einige heute Morgen hier vielleicht vor wenigen Tagen und nur temporär ins Urlaubsdomizil. Aber etliche doch schon einmal „so richtig“, also von einer Wohnung in eine andere, vielleicht auch von einem Ort an einen anderen, einige von uns sogar in ein anderes Land. Kleiner ist die Chance heute Morgen jemand hier zu haben, der sogar auf zwei oder mehr Kontinenten gewohnt hat, also länger als für ein paar Tage Urlaub.

Erinnern sie sich noch daran? Wieviel Vorbereitung das erfordert hat? Wie sie vielleicht genau ausgerechnet haben, wieviel Kubikmeter Lastwagen und Umzugskisten nötig sind. Wo welches Möbelstück am besten hinpasst im neuen Domizil. Welche Dinge vielleicht auch eben nicht mitkommen sollen und vielleicht auch Streit darüber, was eben doch ein sentimentales Erinnerungsstück ist. Und wo wir es ueber Streit haben: wie leicht ist denn die Auswahl des Urlaubsortes oder neuen Heimatortes gefallen und lief das ohne Streit ab?

Nach dem Planen dann die Ausführung: vielleicht haben sie ja Möbelpacker gehab, die einen Großteil für sie erledigt haben. Oder haben sie mit Freunden und Familie jedes schwere Stück einzeln selbst an seinen neuen Bestimmungsort tragen müssen? Ich erinnere mich von meinem letzten Umzug noch ganz genau: ich hatte eine angeknackste kleine Zehe, 40 Kisten alleine mit Büchern und spätestens nachdem ihn die Waschmaschine auf dem Weg ins Dachgeschoss beinahe erschlagen hätte, hat mein Bruder angekündigt, dass dies der letzte Umzug war, bei dem er geholfen hat.

Unterm Strich also eine Erfahrung, die geprägt hat, aber auch etwas leicht Abschreckendes hat.

Und bei Abram: da liest sich das, wie ein Tagesausflug mit dem ÖPNV.

Umziehen, alles zurücklassen, inklusive der Verwandtschaft? Alles, also das ganze Leben wieder neu aufbauen an einem anderen Ort? Klar. Legen wir los.

Um mal einen Eindruck zu geben:

Haran, damals Syrien, liegt heute in der Südtürkei, ca. 200 km nordöstlich des syrischen Aleppo, und ist ca. 1100 km von Ur entfernt, dem Ort von dem Abraham mit seinem Vater nach Haran gekommen ist. Von Haran bis ins „Kanaan“ genannte Land sind es ca. dann auch noch einmal etwa 800 km. Ungeheure Dimensionen, vor allem wenn man sich die Situation von Abraham vorstellt:

Er war 75 Jahre alt, ein Greis, wenn man so will. Und er, seine Frau, seine Großfamilie und alle, die zu seinem Hausstand gehörten, sollten nun wieder umziehen, Ziel: unbekannt.

Und eigentlich hatte Abraham noch genug vom letzten Umzug. Da sind sie monatelang über 1000 km gewandert. Jetzt haben sie sich hier eine Existenz aufgebaut. Abrahams Herden sind größer als je zuvor. Er hat viele Angestellte, wahrscheinlich mehr als 100. Dass soll er jetzt alles riskieren?

Und wohin soll’s diesmal gehen? Ein Land, irgendein Land! Gott wird es ihm zeigen. Ein bisschen dürftig, um alles hinter sich zu lassen und eine anstrengende Reise auf sich zu nehmen? Diese Reise kann Abraham im schlimmsten Falle sein ganzes Vermögen kosten, vielleicht sein Leben.

Die Jungtiere können noch nicht so große Strecken zurücklegen und die Muttertiere sind noch vom Gebären geschwächt. Wird diese Reise ihnen nicht schaden? – Und noch einmal: das alles, ohne zu wissen, was ihn dort in diesem fremden Land erwartet. Wird sich das denn überhaupt lohnen?

Die Bibel erzählt uns auch nicht, wie Gott Abraham seinen Auftrag übermittelt hat: war es eine Stimme von oben oder ein Bote, ein Engel, den Gott geschickt hat, oder doch ein Traum, so wie zum Beispiel Werner Laubi es sich in seinen Geschichten zur Bibel vorstellt?

Zumindest scheint niemand anders den Auftrag vernommen zu haben, stellt sich also die Frage für Abraham: Wie sollte er dies seiner Frau Sara beibringen und all seinen anderen Verwandten? Würden sie ihn verstehen, wenn er zu ihnen sagt: Eine Stimme hat zu mir gesagt, ich soll mich auf den Weg machen und alles hier zurücklassen – wohin? Das werde ich schon noch rechtzeitig erfahren. Musste ihn nicht jeder für verrückt erklären?

Aber Sara und Lot scheinen ihn verstanden zu haben. Diese Stimme, die zu Abraham gesprochen hat, kann nur eine Gottesstimme sein. Und wenn Gott fordert, müssen die Menschen ihm gehorsam sein. Und Gott verspricht ja reichlich Segen! Es lohnt sich also!

Also machte sich Abram und seine Familie auf den Weg. Er folgte dem Befehl Gottes und seine Frau und Lot, sein Neffe, gingen mit.

So ist das offenbar mit dem Glauben, mit der Nachfolge: es geht darum, auf einen Ruf Gottes hin aufzubrechen und einen Weg unter die Füße zu nehmen oder wie die Fischer Jahrhunderte später, hinauszufahren und zu fischen, obwohl es völlig aussichtslos erscheint. Und auch sie wurden dann ja aufgefordert ihr altes Leben als Fischfischer zurückzulassen, um Menschenfischer zu werden. Beinahe so verrückt wie bei Abraham, obwohl sie natürlich durch den reichen Fischfang eine Art Zusicherung in natura bekommen hatte. Nichts davon bei Abraham.

Im Gegenteil: die Verheißung der Volkwerdung des kinderlosen Ehepaares Abraham und Sara spricht da doch gehörig dagegen.

Genau das ist aber das, was die beiden in diesem wenigen und knappen Sätzen zum identitätsstiftenden Vorbild für Israel und zugleich über Israel hinaus zum Prototyp von Menschen, die sich rufen, erwählen und von Gott führen lassen.

Wo es kurz zuvor in der Bibel noch genau um das Gegenteil ging, um Menschen sich selbst erhöhend und ermächtigend, die in Babel einen Turm bauen wollten, um sich selbst einen Namen zu machen, so ist es hier Gott, der Abraham einen großen Namen geben will.

In der Folge wird alles Gute, was Abram und Sara erleben, eine Folge dieses göttlichen Segens sein. Reich waren sie schon vorher (12,5). Doch was ihr Leben letztlich ausmacht, kommt von Gott. Und der Segen geht weit über Abram und Sara hinaus: „Alle Sippen der Erde“ sollen durch Abram Segen erlangen (V. 3). Das wird später der Anknüpfungspunkt für Segen und Erwählung, der (auch) weit über Israel hinausgeht.

Was sie leben und was ihnen widerfährt, strahlt zugleich auf die ganze Völkerwelt aus.

Eines ist den biblischen Geschichten, von Abraham, über Moses und die Jünger bis zu Paulus gemein: Wer Gott vertrauen will, kann nicht sitzen bleiben in vertrauter Umgebung, im bequemen Nest; er muss bereit sein, sich loszureißen und aufzubrechen. Wenn es sein muss in eine ungewisse Zukunft und das trotz der Menschen, die zurückbleiben und diesen Schritt vielleicht neugierig oder misstrauisch verfolgen.

Wenn wir gleich von Dietrich Bonhoeffer sein bekanntestes Werk singen, dann kennen wir dies normalerweise als Silvesterlied.

Aber nicht nur zu Silvester beginnen neue Jahre, sondern auch zu anderen Zeitpunkten, so wie jetzt die Sommerferien ein neues Schuljahr einläuten, für Sportler eine neue Sportsaison beginnt und auch ansonsten die meisten Angebote unseres Lebens sich mehr am Schulkalendar orientieren, denn am Gregorianischen Kalendar.

Bonhoeffer hat dieses Lied Dezember 1944 als Weihnachtsbotschaft an seine Verlobte geschrieben. Gefangen in einem Gestapogefängnis in Berlin und mit durchwachsener Hoffnung, ob er je wieder freikommen wird.

Ich habe beim Neuanfang bisher nur über die guten Momente gesprochen, wie Schuljahr überstanden und bestanden, eine Urlaubsreise gebucht und angetreten und habe die positiven Nachwirkungen der biblischen Geschichten, also aus der Rückschau, in den Vordergrund gestellt.

Bei all dem sollten wir aber auch nicht vergessen, dass trotz der erfüllten Zusagen der biblischen Verheißungen das Leben nicht nur märchenhaft war. Nicht für Abraham, der trotz Verheißung weniger schöne Momente erleben musste, nicht für die Jünger, die am Anfang ihrer Reise sicher nicht über etwas wie Karfreitag nachgedacht haben.

Auch wir, die wir heute Morgen hier sitzen, haben ja sicher alle unser Packerl zu tragen und wissen nicht, wie es ausgehen wird.

Bei allen Wegen, die vor uns liegen, bekannt oder unbekannt, von Rosen gesäumt oder steinig, bei allen Dingen, auf die wir Vorfreude erleben oder vor denen wir Angst haben, für alle diese Wege wünsche ich uns, dass wir den kleinen Satz beherzigen können, den Jesus auch zu Petrus spricht, bevor er ihn mitnimmt. Ein Satz, der laut meinem alten Hebräisch Lehrer genau 365 mal in der Bibel vorkommt. Ein Satz, den Bonhoeffer begleitet haben muss, wenn man seine Briefe liest.

Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht!

Amen.

Und der Friede Gottes, der größer ist als alle Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

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