Bildung,  Sprache,  Weltsicht

Lesung Claudia Rusch: Meine freie deutsche Jugend

Leeuwarden September 2018

„Kann man sich eigentlich an Freiheit gewöhnen?“ Claudia Rusch mußte kurz nachdenken, um diese Frage aus dem Publikum zu beantworten. So sehr ich Ihre Antwort, dass man sich nicht wirklich daran gewöhnt, schätze und so wichtig es ist, dass wir Freiheit nicht als selbstverständlich betrachten, so sehr hängt mir seitdem die Frage nach, ob das im Umkehrschluß nicht heißt, dass man sich an die Gefangenschaft, wenn man in ihr geboren wird, gewöhnt. 

Klar, die „Gefangenen“, wenn ich die Bürger der ehemaligen DDR so nennen soll, wurden 40 Jahre lang in dieses System hineingeboren. 1989 vor dem Fall der Mauer kannte also etwa gut die Hälfte der DDR Bürger keine Freiheit in dem Sinne, in dem wir, Claudia Rusch oder aber auch Joachim Gauck den Begriff verwenden. Aber hatten sich die Menschen daran gewöhnt? Abgefunden? Wenn das so ist, wieso haben die Menschen dann dagegen protestiert? Hätten sich die Menschen wirklich daran gewöhnt und nicht nur arrangiert, dann gäbe es die DDR wahrscheinlich noch immer. Der Drang nach Freiheit, nach einem selbstbestimmten Leben scheint also stärker zu sein als die Gewöhnung.

Auch wenn mir dieser Gedankengang von der Lesung am längsten und intensivsten haften geblieben ist, heißt dies nicht, dass das schon alles war und dass ich trotz der für mich nicht zufriedenstellenden Antwort von Claudia Rusch nicht Gefallen an der Lesung, der Autorin und ihrem vorgestellten Buch gefunden habe. 

Ich kannte „Meine freie deutsche Jugend“ vorher nicht, auch ist es als erstes Werk von Claudia Rusch bereits 2003 erschienen. In mehr oder minder kurzen Episoden bearbeitet Claudia Rusch hier ihre eigene Geschichte und die ihrer Familie. Sie erzählt mit den verschiedensten Emotionen gefüllte Geschichten, wie es war, in der DDR aufzuwachsen. Durch die Nähe zu oppositionellen Kreisen hieß das, dass die Stasi (im Familienkreise Kakerlaken genannt) fester Bestandteil ihrer Kindheit war.

Ein zweites ist mir aus der Lesung hängen geblieben: ein Kopfschütteln. Ich kann den Wortlaut nicht mehr genau wiedergeben, den Claudia Rusch gebrauhct hat, aber Tenor war, dass doch jeder in der DDR die Herren im typischen Stasi Oufit kannte und wußte, was die Kakerlaken so treiben und im Schilde führen. Kopfschütteln einer Teilnehmerin der Lesung, mit einem deutlichen Gesichtausdruck, der sagen soll: „Nun übertreib mal nicht. So schlimm und omnipresent war es dann doch nicht mit der Stasi.“ Gewöhnung? Verdrängung? Denke ich über das nach, was ich selbst von Bekannten aus dem ehemaligen Ostblock erzählt bekommen habe, sind Schuld und Scham vielleicht auch die richtigen Worte, um dieses Kopfschütteln zu beschreiben. Oder die besondere Situation eines (potentiellen) Regimefeindes ist Ursache für diese unterschiedlichen Sichtweisen.

Gut in Szene gesetzt hat sie die Vorlesung – zugegeben wirkten ihre  emotionalen Reaktionen auf ihren eigenen mehr als 10 Jahre alten Text oder das Finden des letzten Zellenanchbarn ihres Opas dank dem Buch zum Teil einstudiert bzw. wie eine Gewohnheit. Fast wie eine Form von umgedrehter Ostalgie oder Vergangenheitsbewältigung durch Veröffentlichung. Den Texten zugute kommt, dass Claudia Rusch vor ihrer Autorenkarriere Journalistin war. Das gibt dem Buch sprachlich wie inhaltlich einen deutlichen Vorsprung gegenüber vielen anderen Büchern über diese Zeit und anderen aktuellen (halb-)biografischen Büchern.

Fazit der Lesung für mich war, dass ich kurzweilige 90 Minuten verleben durfte, in denen mal gelacht wurde und man dann auch mal kurz testen konnte, wie nah man am Wasser gebaut ist.

Claudia Rusch
Meine freie deutsche Jugend
knabS. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783100660589
Gebunden, 157 Seiten, 14,90 EUR

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